Dienstag, 24. Februar 2015

Mission 200x - Pt. 1

Nachdem es mir letztens großen Spaß bereitet hat, in der Musik der 90er zu schwelgen, möchte ich mir jetzt die Jahre 2000 bis 2009 vornehmen. Retrospektiv stelle ich fest, dass sich gerade in den ersten Jahren nach der Jahrtausendwende mein persönlicher Geschmack stark erweitert hat. Mein Metal wurde ein Stück weit roher (ja, Undergroundfetischisten werden jetzt schmunzeln) und verlor einiges an Zucker. Der typisch europäische  Melodicmetal, der lange Jahre im Fokus meiner Aufmerksamkeit stand, fand immer weniger statt. Aber dazu im Folgenden mehr – erneut mit dem Hinweis, dass es natürlich eine absolute Unmöglichkeit ist, ein ganzes Jahr mit nur drei Songs zu fassen:

2000.1 – Halford – Resurrection

Ich lehne mich gerne aus dem Fenster und erzähle oft, ob es mein gegenüber hören will oder nicht, dass Judas Priest die größte, mächtigste und beste Band aller Zeiten sind. Diese Einsicht musste ich mir aber erarbeiten. Lustiger weise habe ich diese Gottband erst in der Owensphase kennengelernt, nach einem starken Konzert und der überragenden „98‘ Live Meltdown“-CD. Mit den Halfordalben habe ich mich offen gesagt erst beschäftigt, nachdem dieser mit seinem großartigen Comeback meine Welt erschüttert hat. Technisch fast so gut wie Owens, stimmliches Charisma, wie man es kein zweites Mal findet, dazu griffige, toll produziert Songs mit der nötigen Härte und ein Klangbild, das absolut zeitgemäß war. Der Opener und Titeltrack, dem Schwestersong „Painkiller“ mindestens ebenbürtig, packt mich auch 15 Jahre später noch wie beim ersten Hören. Dieses gnadenlose Falsett, die harschen Riffs, schierer Wahnsinn.

2000.2 – Jacob’s Dream – Kinescope

Sie kamen, siegten – und verschwanden. Jacob’s Dream haben mit ihrem Debut fraglos einen absoluten Klassiker abgeliefert. Eigenständiger, an einen jungen Tate erinnernder Gesang (mit dieser schönen, dezent weinerlichen Farbe), trifft auf anspruchsvolles Songwriting, wie es typischer für leicht progressiven US-Metal nicht sein könnte. Ich kann auf dem ersten Album der Musiker aus Ohio keinen einzigen Schwachpunkt ausmachen, diese Scheibe ist fraglos eines der besten Debuts aller Zeiten. Das Zweitwerk konnte das Niveau leider nicht mehr auf volle Distanz halten, und als dann David Taylor mit seiner überragenden Stimme ausgestiegen ist, habe ich das Interesse an der Band verloren.

2000.3 – Rob Rock – Streets Of Madness

Ich bin das erste Mal über Rob Rock gestolpert, als ich mich Ende der 90er mit dem Schaffen von Axel Rudi Pell beschäftigt habe. Das von Rock eingesungene „Nasty Reputation“ gehört zu den stärkeren pellschen Veröffentlichungen, trotzdem hatte ich erst wenig Erwartungen an das Solo-Debut, das 2000 anstand. Als ich hörte, dass Roy Z für den Sound und das Songwriting (mit)verantwortlich ist, musste ich aufhorchen. Dieser hat es schließlich geschafft, Dickinson und Halford zwei großartige Comebacks zu ermöglichen. Auf dem Album sticht neben dem genialen Cover von Abbas „Eagle“ im schweren Black Sabbath-Groove das von mir auserwählte „Streets Of Madness“ heraus. Dramatische Strophen, dezent an Jon Schaffer erinnerndes Riffing und ein bombenstarker Refrain, ich liebe diese Nummer, das ganze Album, Rocks Stimme – das ist wirklich groß!

2001.1 – Beyond Twilight – Shadowland

Ein perfekter Song auf einem perfekten Album. Diese fünfeinhalb Minuten sind zu tiefst progressiv, ohne technisch zu sein. Sie sind melodiös, ohne kitschig zu sein. Sie sind eingängig, ohne simpel zu sein. Das Album wurde damals als Hybrid von Stratovarius, Candlemass und Dream Theater angepriesen. Was wie ein absoluter Widerspruch in sich klingt, trifft doch zu. Loben muss ich auch noch Jorn Lande, der diese Scheibe eingesungen hat, noch bevor er in der Szene überpräsent wurde. Am Beispiel des Tracks Shadowland sieht man, wozu die Stimmbänder dieses Mannes fähig sind. Von tiefstem Bellen über crispe, raue Zeilen hin zu wunderschönen, warmen und absolut klaren Melodiebögen setzt er Maßstäbe, die nur ganz wenige erreichen können.

2001.2 – Rawhead Rexx – Town Of Skulls

Die vier Schwaben waren Anfang des Millenniums für mich ein Gegenentwurf zum typisch deutschen Metalstoff. Das hier war straight, schnörkellos, direkt, gitarrenlastig – und wurde zu Recht mit US-Acts wie Vicious Rumors verglichen. Es gab damals Stimmen, die in der Band einen Hype sehen wollten, war doch der damalige Manager Horst Odermatt gleichzeitig Chefredakteur des „Heavy, oder was!?“ und Veranstalter das „Bang Your Head Festival“. Es gab vielleicht größere Interviews, als sie andere Newcomer erhalten hätten, es gab vielleicht bessere Plätze im Billing – aber meines Erachtens nach nur aus dem Grund, weil Horst total auf die Musik steil gegangen ist. Und das absolut zu Recht. „Town Of Skulls“, das heißt hohes Tempo, schnelle Riffs der Thorpe-Schule und ein simpler, sehr effektiver Chorus. Eine tolle Einstimmung auf eine tolle Scheibe.

2001.3 – Tenacious D – Wonderboy

Eine Band, die es schafft, derben, platten Humor mit hochklassigem Songwriting zu verbinden wie keine zweite. Dank Jack Blacks Popularität hatte die Band natürlich erhebliche Vorteile auf dem Markt, trotzdem überzeugt die Band mit ihrer Musik, nicht mit Vertriebskampagnen. Dieser mystische, gefühlvolle Einstieg in den Song, die tolle Steigerung nach der ersten Strophe, einfach wundervoll. Was es mir einfach angetan hat, das ist die variable, tolle Stimme von Black, samt ihrem sicherlich durch die Schauspielerei geprägtem narrativem Einschlag – man sollte ihn per Gesetzesbeschluss dazu zwingen, mindestens alle zwei Jahre eine Platte einzusingen.

2002.1 – Blind Guardian – Precious Jerusalem

Ich gehöre zur absoluten Minderheit derer, die sowohl das Frühwerk als auch die Alben nach dem Nightfall-Incident wertschätzen. „A Night At The Opera“ ist ein Album, das ich mir erarbeiten musste. Ich habe beim schürfen viele Juwelen gefunden – um im guardianischen Jargon zu bleiben. Precious Jerusalem ist eines davon. Der großartige Beginn mit schroffen Tribaldrums und orientalischem Flair, ergänzt von Kürsch-Chören, die alle stimmlichen Facetten zeigen, zu denen Hansi fähig ist, der dann in diesen unwiderstehlichen, verschachtelten Groove führt. Toll. Der Vorzeigemittelteil ab Minute vier. Toll. Für mich ist nicht verständlich, weshalb gerade dieses Album schlecht sein soll.

2002.2 – Majesty – Sword & Sorcery

Zwischenzeitlich von vielen belächelt, waren Majesty damals für mich der Inbegriff des nationalen Undergroundmetal. Ich erinnere mich noch genau an mein erstes Mal – mit Majesty. Es war Ende Juni 2002, ich war auf dem „Bang Your Head Festival“ zu Gast. Es gab starke Auftritte von Jag Panzer, Titan Force, Saxon, Candlemass und vielen anderen. Dazu über die Zeltplätze ziehende Händler mit selbst kopierten Fanzines. Das eine, das ich als Morgenlektüre erworben habe (den Titel weiß ich leider beim besten Willen nicht mehr), bestand gefühlt zu einem Drittel aus Majesty-Worshipping. Eine Band, die mir bis dahin überhaupt nichts sagte. Am zweiten Festivaltag lag die CD (die an diesem Wochenende erstveröffentlicht wurde) in der Auslage eines Verkaufsstandes. Allein schon aufgrund des Ken Kelly-Covers (eines seiner stimmungsvollsten) musste ich das Album ungehört erwerben. Am Sonntag, auf der Heimfahrt, landete das Album erstmalig im Spieler. Und ich habe mich ernsthaft verliebt. Die Musik war weder zeitgemäß fett produziert, noch technisch stark dargeboten oder hervorragend gesungen – aber voll mit Herzblut. Ein für mich unvergessliches Album. Danke, Tarek!

2002.3 – Soilwork – As We Speak

Die Zweitausender markieren nicht nur den Beginn meines Interesses für erdigere, untergrundigere Themen, sondern sie sind auch der Zeitraum, in dem ich meine persönlichen Geschmacksgrenzen ausgelotet habe. Ich habe die Grenzen dessen gefunden, was ich toll finde – seitdem haben sich diese auch nur minimal verschoben. „As We Speak“ ist einer dieser Titel, der für mich eine Grenzerfahrung darstellte, dahingehend, dass es das Maximum an „modernem“ Sound ist, das ich abfeiern kann. Kaltes, stark getriggertes Schlagzeug, viel seichte Elektronik, gebrüllte Vocals – all das brauche ich nicht. Wenn aber der Klargesang in der Bridge die Führung übernimmt und in einem Weltklasserefrain mündet, dann muss ich den Song einfach mögen.

Fortsetzung folgt…

Freitag, 20. Februar 2015

Edward Lee - Der Höllenbote

Eine klischeetriefende Kleinstadt in Florida, viel Sonnenschein, braungebrannte Blondinen (selbstredend mit makelloser Figur) und ein Postamt, in dem ein satanisches Relikt versteckt ist, das es einem gefallenen Dämon erlaubt, die Postangestellten zu manipulieren und zu Massenmorden anzustiften. Dazu gibt man ein paar Priesen überforderte Kleinstadtpolizei, einen weiteren Löffel Pulp (natürlich muss es eine Szene im unschuldigen, katholischen Mädcheninternat geben…), überzogene, blutrünstige Metzeleien und eine Portion Sex. Wir lernen, dass die Dämonen, die es auf die Vernichtung unserer Welt abgesehen haben, grundsätzlich immer und überall über eine sehr starke Libido verfügen. Gut, dass es in dem Kaff Danelleton keine unansehnlichen Frauen gibt und der Autor auch nie müde wird, zu erzählen, wie oft die wohlgeformten Hintern der Austrägerinnen in ihrern engen Dienstunformen spazieren getragen werden. Als sich dann die Leiterin des Postamtes in den Leiter der örtlichen Polizei verliebt, anschließend auch noch ein dubioser Hellseher mit osteuropäischem Akzent auftaucht, kann ich nicht anders, als zu Schmunzeln.

Hört sich alles an wie Schund, ist auch so.

Edward Lees Höllenbote hat mich größtenteils aufgrund des skurrilen Settings unterhalten können, das ein wenig über die farblosen Charaktere hinweghilft. Dennoch war mein siebter Lee (darunter drei Volltreffer) mein bislang Schlechtester.

Bei einem Kurs von knapp 14 Euro für die Taschenbuchversion kann ich trotz aller Sympathie für den Festa-Verlag keine Empfehlung aussprechen. Vielleser können aber gerne auf die eBook-Version für 4,99 Euro ausweichen, wenn sie Lust auf wenig gruseligen B-Film-Horror haben.

Sonntag, 8. Februar 2015

Mission 199x


Eine Dekade in 30 Songs zu fassen, das ist ein Ding der Unmöglichkeit. 30 Alben wären bereits deutlich zu wenig, um der Aufgabe auch nur ansatzweise gerecht zu werden. Da wir aber an unseren Aufgaben wachsen, hier im Folgenden nun 30 Songs, 3 pro Jahr, die mir seit Langem sehr wichtig sind – innerhalb des Jahrgangs alphabetisch sortiert, ich will diese 30 Titel nicht auch noch in ein Ranking bringen. In den Neunzigern fing ich an, Musik für mich zu entdecken, habe mich in den Klang von elektrischen Gitarren verliebt, habe angefangen, diverse Stilrichtungen zu entdecken, habe angefangen, meinen ganz persönlichen Geschmack zu entwickeln.

1990.1 – Böhse Onkelz – Nekrophil

Dass meine Liste ausgerechnet mit dieser Band beginnt, liegt schlicht und einfach daran, dass für mich die Neunziger ohne diese Band nicht denkbar gewesen wären. Von allen Alben der Band ist die „Es ist soweit...“ wohl diejenige, die dem Heavy Metal am nächsten kommt. Zum Song: das gelungene Introriff, der unendliche fiese, dreckige Gesang, dazu die morbide Thematik, all das hat auf mich in den Neunzigern äußerst faszinierend und fesselnd gewirkt. Ohne die Frankfurter wäre ich nie beim Heavy Metal gelandet.

1990.2 – Gamma Ray – Heading For Tomorrow

Egal, wie sehr sie sich auf den letzten Alben bei sich selbst bedienen, egal, dass seit Langem kreative Stagnation angesagt ist: in den vermeintlich metalschwachen 90ern (was für ein Blödsinn!) waren die Jungs eine der führenden deutschen Formationen – zu Recht. Hansen hat mit seinem ersten Album nach dem Helloween-Ausstieg an das Niveau der beiden Keeper-Scheiben mindestens anknüpfen können, und mit dem damaligen Sänger Ralf Scheepers zum zweiten mal nach Kiske einen gnadenlosen Volltreffer gelandet. Der Titelsong des ersten Albums ist nicht weniger als der perfekteste Melodic-Metal-Longtrack aller Zeiten, zu jeder Minute spannend und nie langweilig werdend. Besser kann man diese Art Musik nicht spielen.

1990.3 – Judas Priest – Painkiller

Keine Liste von mir ohne einen Titel der größten und mächtigsten Band aller Zeiten. Über den Song und das Album muss man – denke ich – keine Worte mehr verlieren. Painkiller war stilprägend, ein unerwartet harter Befreiungsschlag, und Halford liefert eine unmenschliche Gesangsleistung ab. Nebenbei natürlich das geilste Drumintro aller Zeiten.

1991.1 – Cirith Ungol – Fallen Idols

Vier perfekte Alben in 10 Jahren, dann Schluss, aus und vorbei. Eine der eigenständigsten Bands aller Zeiten, gesegnet mit einem Frontmann, der direkt aus der Hölle kommen musste. Ich verstehe bis heute nicht, weshalb das letzte Album aus dem Jahr 1991 häufig als den Vorgängern nicht ebenbürtig empfunden wird. Die Band hat es geschafft, in ihren ureigenen Sound noch eine ungeheuerliche Eingängigkeit mit einzubringen, und hat schlichtweg ein paar verdammt starke Hits geschrieben – wie das getragene Fallen Idols mit seinem großartigen Hauptriff und dem Megarefrain – grandioser Schwanengesang.

1991.2 – Iced Earth – Pure Evil

Jon Schaffer hat es auf den ersten drei Studoalben geschafft, gnadenloses Riffgeschiebe und extrem variables Songwriting zu verzahnen, wie es höchstens noch Metallica auf ihren ersten drei Scheiben konnten – wobei Iced Earth ein Quäntchen düsterer, böser und härter waren. Dass Schaffer anschließend immer mehr zu simplen, kommerzielleren Songs überging, störte mich nicht, ich mag ausnahmslos alle Bandphasen. Dennoch ist das Stormrider-Album ein Meilenstein der frühen Neunziger. Pure Evil ist mein persönlicher Höhepunkt auf dem Album, variables Drumming, die wohl besten Rhythmusgitarren, die Schaffer jemals aufgenommen hat und tolle Screams im Refrain.

1991.3 – Savatage – Tonight He Grins Again

Bei allem Respekt für die starken 80er-Alben der Band, aber im hier besprochenen Jahrzehnt hat die Band meine beiden liebsten Alben ihrer Laufbahn veröffentlicht. Streets von 1991 ist eines der absolut besten Konzeptalben, die ich kenne. Kernige Riffs, tolle Soloarbeit, und über allem die einzigartige Stimme von Jon Oliva. Welchen Song man sich auch aussucht, das Album besteht nur aus Höhepunkten. Tonight He Grins Again ist die perfekte Kombination aus Bombastrock und irrsinnigem Gesang, großartig. Das andere Lieblingsalbum ist übrigens The Wake Of Magellan, aber davon hat es nichts auf die Liste geschafft.

1992.1 – Killers – The Beast Arises

Paul Di'Anno war mir von den drei Maidensängern immer am liebsten. Sein 92er Soloalbum liegt mir besonders am Herz. The Beast Arises - ich liebe diesen druckvollen, schmutzigen Gesang (ja, ich bin sehr Sängerfixiert), musikalisch schnörkellos und – erstaunlicherweise – priestlastig.

1992.2 – Manowar - Burning

Zu Hälfte neu besetzt und am stilistischen Scheideweg, trotzdem liefern Manowar einen der größten Songs des Jahres ab. Wenn nach der doomig daher galoppierenden ersten Strophe der mächtige Refrain einsetzt, und wenn Adams diesen noch mit seinen unglaublichen Schreien krönt, kann ich nicht anders, als mitzugehen.

1992.3 – W.A.S.P. - Chainsaw Charly (Murders In The Rue Morgue)

Akustisches Intro, dann flott die Kettensäge angeworfen, und los geht’s. Es ist klasse, wie wenig kopflastig dieses Konzeptalbum an sich und dieser Longtrack im speziellen ist. Blacky schafft es immer wieder, schmissige, glamrockige Melodien in den Raum zu werfen, für die andere Songwriter töten würden. Andere Bands basteln drei oder vier Refrains aus dem, was hier abgeliefert wird.

1993.1 – Meat Loaf – Everything Louder Than Everything Else

Überfrachtet mit Bombast, mehr Musical als Rocksong, kitschig theatralischer Gesang, glatter Sound. Ich weiß selbst, dass das weder Metal noch kerniger Rock ist. Es kommt auch nicht jeden Tag vor, dass ich Meat Loaf auflege, aber hey, wir reden von den Neunzigern, man erlaube mir eine kitschige Stelle :-). Positive Rock'nRoll-Vibes, instrumental toll inszeniert, ich mag das wirklich.

1993.2 – Rage – Firestorm

Zurück nach Deutschland, zurück zum schnörkellosen Metal. Vollgas, mit geilem Riff direkt in die Fresse, eingängiger Refrain, gesanglich charmant, aber nicht überragend. Firestorm ist für mich exemplarisch für das, was Rage in den frühen Neunzigern ausgemacht hat. Manni Schmidt kann man nicht genug loben, es gibt wenige Gitarristen, die dermaßen fit sind, aber immer dem Song dienlich bleiben. Riffen und Solieren kann der wie kaum ein zweiter in Deutschland.

1993.3 – Rush – Stick It Out

Kein Jahrzehnt ohne Rush. Der Weg zurück zu dominanteren Gitarren gefiel mir sehr. Man höre sich nur das Riff von Stick It Out an. Knackig, nicht im Geringsten angestaubt. Das Drumming sehr akzentuiert, der Refrain sehr eigenwillig. Rush schaffen es wie kaum jemand sonst, technisch brillant (was für eine Bassarbeit!) und komplex zu sein, ohne den Hörer auch nur eine Sekunde zu überfordern oder mit Fragezeichen vor den Augen zurückzulassen.

1994.1 – Dr. Butcher – The Altar

Schon wieder Jon Oliva? Mir doch egal! So hart wie Dr. Butcher waren Savatage nie, allein der völlige kranke Schrei ab Sekunde 50 stellt mir alle Haare auf. Kein Gedöns, kein Bombast, keine Orchestrierungen, nur mächtige Gitarren, eine pumpende Rhythmusgruppe, ganz dezente Keyboardflächen im Hintergrund, und die beste Performance von Oliva aller Zeiten.

1994.2 – Running Wild – The Privateer

Running Wild haben bei mir nicht den Stellenwerk inne, den beispielsweise Rage oder Grave Digger inne haben. Vielleicht, weil ich zu spät auf die Band aufmerksam wurde, und die Formkurve da bereits merklich nach unten zeigte. Aber ein Album – Black Hand Inn von 1994 – kommt immer wieder in den Player. Die Single Privateer vereint wirklich alles, was das Album so groß macht. Dauersperrfeuer des getriggerten Schlagzeugs, die schnellen Gitarrenläufe von Rolf, dezent folkloristisch klingende Gitarrenmelodien, ein großer Refrain. Toll.

1994.3 – Tiamat – A Pocket Sized Sun

Ex-Death-Metaller wirft alle harschen Töne über Bord und nimmt mit A Pocket Sized Sun einen der schönsten und berührendsten Song aller Zeiten auf. Klar inspiriert von Pink Floyd und den getragenen Momenten von King Crimson, aber weit weg davon, ein Rip-Off zu sein. Das ist eine Komposition für eine laue Sommernacht, wenn man Nachts um zwei nicht schlafen kann und alleine spazieren geht.

1995.1 – Blind Guardian – Imaginations From The Other Side

Der Song, der in knapp über sieben Minuten all das vereint, das die Band so groß gemacht hat: harte, gerne mal speedige Rhythmusgitarren, sehr variable Schlagzeugarbeit, sehr eigenständige Melodieführung, und natürlich Orchestrierungen und große, opulente Chöre. Damals noch sehr ausgewogen eingesetzt, ohne die Metalbasis der Songs zu verdrängen. Das war später bekanntlich anders (ich steh' auch auf die neueren Alben). Für mich ist IFTOS fast so etwas wie eine letzte Zusammenfassung der eigenen Trademarks, bevor sich die Band auf zu neuen Ufern machte.

1995.2 – Dream Theater – A Change Of Seasons

Befreit von dem Zwang, in den Kontext eines Albums passen zu müssen, ist A Change Of Seasons für mich nicht weniger, als der beste Longtrack dieser begnadeten Band. Irrsinnige Instrumentalabfahrten, enorm anspruchsvolle Rhythmusarbeit, gnadenlos komplexe Gitarrenparts, und trotzdem tauchen in den 23 Minuten immer wieder warme Gitarrensolos, Gesangslinien oder akustische Parts auf. Mir ist bewusst, dass man den Song – um ihn auch nur ansatzweise zu erfassen – 10, 15 oder 20 mal hören muss. Aber selten hat sich das so gelohnt wie hier.

1995.3 – Rammstein – Wollt Ihr Das Bett In Flammen Sehen

Weg von der Musikkunst, hin zu steriler, martialischer Konstruktion. Wir waren halbstarke Vierzehnjährige, als dieser Sound aufgeschlagen hat. Und was war hart, unglaublich hart. Man muss die Band nicht mögen, niemand kann aber abstreiten, dass dieser Sound im Mainstream Mitte der Neunziger etwas ganz neues war und die Band unzählige Massen an Nachahmern inspiriert hat. Auch heute, wenn ich diesen ganz eigenen, klinischen Gitarrensound höre, nimmt es mich noch mit.

1996.1 – Böhse Onkelz – Auf Gute Freunde

Ja, wer mir bis hierher gefolgt ist, wird womöglich die Augen verdrehen. Aber keine Sorge, die beiden anderen Songs des Jahres 1996 sind mindestens genau so plakativ ;-). Aber zurück zu „Auf Gute Freunde“. Ein schmeichelnder Rocker, Straßenkötergesang, gute Gitarren, reflektierender Text ohne Pathoskeule, besser kann man – Achtung, ducken – Deutschrock nicht machen.

1996.2 – Grave Digger – In The Dark Of The Sun

Keine Ahnung, warum diese Band so oft belächelt wird. Weil die Jungs einfach strukturierte Songs komplexen Kompositionen vorziehen? Weil Boltendahl alles andere als ein stimmlicher Schöngeist ist? Aber auf Accept steil gehen, hm? Grave Digger haben dermaßen viele Metalhymnen geschrieben, wie kaum eine andere Band. In The Dark Of The Sun lebt von einem einfachen Riff und einem großen Refrain. Manchmal reicht genau das aus.

1996.3 – Manowar – The Power

Das war nicht mehr die selbe Band, musikalisch hatte man sich von der ausladenden Epik der Ross-The-Boss-Phase verabschiedet, Logan spielte wesentlich reduzierter, ein Schlagzeuger durfte das Studio auch nicht betreten. Trotzdem liefert der Song das, was er verspricht – Kraft vom Fass. Faust hoch, Anlage laut, und dem überragenden Gesang von Eric Adams lauschen.

1997.1 – Jag Panzer – Black

Dunkler Beginn, dramatische Steigerung, grandioses Mainriff, voluminöser Weltklassegesang, garniert von wirklichen tollen Gitarrensoli. Was soll man mehr über einen der besten Jag Panzer-Songs aller Zeiten sagen?

1997.2 – Judas Priest – Cathedral Spires

Auch Judas Priest müssen eine zweite Nennung bekommen. Schließlich hatten bei den Birminghamern in diesem Jahrzeht die beiden besten Metalsänger aller Zeiten das Mikro in der Hand. Und die neue Härte im Gitarrenbereich tat der Band gut. Wenn nach zwei klaren, melodischen Minuten die Stimme erhoben wird und sich die Nummer mit einem Monsterriff hin zu einem der besten und epischsten Refrains der gesamten Bandgeschichte steigert, dann geht mir das Herz auf. Gnadenlos gut.

1997.3 – Stratovarius – Visions (Southern Cross)

Keine 90er-Show ohne Stratovarius. In meiner kleinen Welt war das damals die absolute Speerspitze des europäischen Metal. Instrumental wesentlich versierter als ähnlich gelagerte Bands wie Helloween oder Gamma Ray – alleine schon die Keys von Jens Johansson waren der Konkurrenz weit voraus. In dieser ausladenden 10 Minuten Nummer geht die Band keineswegs zu gemächlich oder übertrieben orchestral zu Werke (wie sie es beispielsweise auf den zu süßlichen Elements-Alben getan hat). Die ersten vier Minuten regiert die Doublebass, bevor ein akustisches Intermezzo Ruhe bringt, in ein tolles Solo überleitet, das wiederum den Weg für das von dezenten Chören unterstütze Finale ebnet.

1998.1 – Arena – The Hanging Tree

Düster und zu tiefst melancholisch, dabei äußerst zart. So beginnt der unstrittig beste Titel des gesamten Arena-Schaffens. Bereits die zerbrechliche Gesangszeile „Moving deeper into the land“ wird man seines Zeit seines Lebens nie mehr aus dem Gehirn bekommen. Als dann die Fragilität harscheren Tönen weicht – ohne das dunkle Element zu verlieren – zeigen Gesang und Sologitarre, wie emotional Musik sein kann. Wundervoll.

1998.2 – Ayreon – The Two Gates

Schon wieder ein Auszug aus einem Konzeptalbum. Warme, analoge Synthesizer zu Beginn, eine fette, groovende Hammondorgel mit einem rockigen, stampfigen Riff, gnadenlos gute Sänger mit genug Spielraum in der Komposition, um die jeweiligen Stärken zu zeigen. Gekrönt wird diese Nummer von einem richtig großen Refrain. Nichts wirkt hier kopflastig oder konstruiert, alles organisch.

1998.3 – Threshold - Angel

Threshold, das heißt bislang 10 Studioalben ohne Ausfall, das kann kaum jemand sonst vorweisen. Das Album „Clone“ aus dem Jahr 1998 war das erste mit dem leider viel zu früh verstorbenen Andrew McDermott. Meiner Meinung nach der Sänger, der mit seiner vollen, rauen Stimme am besten zur Band passte. „Angel“ hat alles, vom tollen Orgelintro über harte Riffs, beeindruckende Schlagzeugarbeit, einen harten Mittelpart und einen einfach nur schönen Refrain.

1999.1 – Dark At Dawn – Within The Light

In einer gerechten Welt wären Dark At Dawn groß geworden. Schnelle, leicht an Maiden erinnernde Gitarrenläufe, einzigartiger Reibeisengesang und ein Gespür für tolle Vocallines. „Within The Light“ ist ein knackiger, authentischer Underground-Metal-Song. Ohne jeden Schnörkel. Wer sowas nicht mag, muss ein böser Mensch sein :-).

1999.2 – Mercyful Fate – Church Of Saint Anne

Einer meiner liebsten M.F.-Songs. Über ein schleppendes Riff packt der Diamantenkönig seine eigenwilligen Gesangslinien und Harmoniegesänge. Der Song ist verschachtelt, ohne sperrig zu sein (ja, zugegebenermaßen immer noch easy listening im Vergleich zum Frühwerk), und der Refrain ist toll.

1999.3 – Misfits – The Forbidden Zone

Vom einen Extrem (Dream Theater mit 23 Minuten) zum Anderen. Die Misfits brauchen nur zwei Minuten und vierundzwanzig Sekunden, um mich zum rasen zu bringen. Punkige Gitarren, flottes Tempo, starke Vocals mit leichtem Rock'a'Billy-Touch, und Melodien, die sofort ins Ohre gehen. Ich habe das Album damals, 1999, rauf- und runtergehört, und stehe heute noch voll drauf.


Soviel zur unlösbaren Aufgabe, eine Dekade in 30 Songs zu fassen. So unlösbar die Aufgabe auch ist, mein Sonntag war ein sehr Gelungener.

Donnerstag, 5. Februar 2015

Overlorde - Snow Giant

Über zehn Jahre ist es her, dass das erste und einzige Album der US-Metaller „Overlorde“ erschienen ist. Meines Erachtens ist die „Return Of The Snow Giant“ zu Unrecht in der Versenkung verschwunden. Hier wird nichts anderes geboten, als reinster Heavy Metal der amerikanischen Ausprägung mit schlichtweg perfektem Gesang.

Bobby „Leather Lungs“ Lucas liefert von mittleren Tonlagen bis zu hohen Schreien dermaßen Punktgenau ab, dass es mir eine reine Freunde ist, jeder einzelnen Zeile zu lauschen. Er gehört zu den Großen seiner Riege, die es schaffen, aus einem sehr guten Song etwas noch besseres zu machen.

Man führe sich nur den eröffnenden Titeltrack zur Gemüte, wo er – flankiert von einem extrem eingängigen Riff – zeigt, welche Kraft er in seinen Lederlungen versteckt. Oder aber „When He Comes“, wo Lucas nach getragenem Beginn in tiefen Tonlagen seine ganze Bandbreite auspackt, als wäre es das einfachste der Welt – ohne dabei zu technisch oder steril zu klingen. Es bleibt immer genug Dreck in der Stimme, um eben nicht zum Kiskeklon zu werden (der trotz einer brillanten Stimme aufgrund des mangelnden Rotzes niemals in der Lage wäre, ungeschliffenen US-Metal zu veredeln).

Kurz gesagt: Bobby könnte mir das Telefonbuch vorsingen, ich wäre begeistert.

Reicht das allein zum – wenn auch fast vergessenen – Klassiker? Natürlich nicht. Und hier kommt die Band ins Spiel, die ein Dutzend formidabler Songs eingespielt hat. Überwiegend im klassischen Midtempo gehalten, mit gelegentlichen flotten Einsprengseln (freilich ohne dem Speed Metal auch nur nahe zu kommen) und zwei ausladenden, epischen Songperlen namens „Mark Of The Wolf“ und „Colossus – Island Of The Cyclops“.

Auch bezüglich des Klangbildes gibt sich die Band keine Blöße. Gitarren und Schlagzeug haben genug Druck, der Bass ist schön präsent (ein weiterer Pluspunkt, leider ist das oft nicht der Fall), der Sound ist differenziert, aber keineswegs kühl oder steril. Das Artwork ist ebenfalls herausragend gut, das Booklet toll gestaltet.

Ich kann es drehen und wenden wie ich will – das Album ist ein kleines US-Metal-Juwel, das mehr Aufmerksamkeit verdient hätte.

Ebenfalls großartig ist übrigens das 2013 erschienene und ebenfalls von Lucas eingesungenen Album "Giants Of Canaan" der Band "Attacker". Hier wird fast das selbe Niveau erreicht, wenn auch stilistisch ein klein wenig anders gelagert.

Donnerstag, 29. Januar 2015

Satan’s Host – Pre-Dating God

Als ich im April 2010 in Lauda-Königshofen vor der Bühne stand, um dem Reunion-Auftritt von Satan’s Host beizuwohnen, wusste ich nicht sehr viel über die Band. Harry Conklin sei wieder eingestiegen, hieß es, nachdem er die Band über 20 Jahre zuvor, nach einem vermeintlich unhörbaren Demotape, verlassen hat. Black Metal habe die Band die letzten 10 Jahre gemacht, hörte man. Da ich schon seit langen Jahren bekennender Fan von Harrys Gesang war, ihn sowohl mit Jag Panzer als auch Titan Force zuvor habe live abräumen sehen, war ich gespannt auf das, was da kommen sollte.

Als der Auftritt begann, bekam ich einen Lachanfall. Nicht aus mangelndem Respekt oder gar aus Verachtung des Dargebotenen, sondern allein der Tatsache geschuldet, dass ich gar nicht einordnen konnte, was da abgeht. Die Band hatte einen ureigenen Stil, etwas Vergleichbares war mir zuvor noch nie zu Ohren gekommen. Ausladende Songs, zahlreiche Tempovariationen von doomig-verschleppt bis hin zu Blastbeat-Ausbrüchen. Darüber die besten Screams, die ich bis dahin vom Tyrant gehört habe. Ergänzt wurde dieses monströse Erlebnis von Details wie albernen Sarggitarren und pubertär-doofen Ansagen, die ich heute noch nicht einordnen kann.

Was habe ich mich auf das erste Album der Band-Neuzeit gefreut. Als By The Hands Of The Devil endlich 2011 veröffentlicht wurde, konnte ich in aller Ruhe dieses vielschichtige, komplexe Songwriting zwischen US-Metal und Black-Metal auf mich wirken lassen.

Seit sie wieder zusammengefunden haben, sprüht die Band förmlich vor Kreativität. Nach der ebenfalls noch 2011 unter dem Banner Celebration: For The Love Of Satan veröffentlichten Neueinspielung alter Songs (sowohl aus der Conklin-Phase der 80er als auch aus der Black-Metal Phase der 00er, ergänzt um neue Songs) erschien 2013 das Album Virgin Sails. Das Überraschungsmoment war dahin, aber die Kompositionen dem Vorgängeralbum fast ebenbürtig.

Jetzt, im Januar 2015, haut die Band gleichzeitig zwei Alben auf den Markt, Pre-dating God Part 1 und Part 2. Ob es geschickt ist, das aktuelle Material auf zwei Scheiben zu verteilen, wage ich zu bezweifeln. Beide CDs zusammen kommen auf eine Spielzeit von knapp unter 81 Minuten – neben einer Coverversion von Grim Reaper’s See You In Hell taucht der Titelsong Pre-dating God in unterschiedlichen Versionen auf beiden Scheiben auf - auf der ersten im Bandtypischen Soundgewand, auf der zweiten als erdig produzierte, sehr natürliche Version. Es wäre natürlich herausragender Dienst am Hörer gewesen, hätte man sich die Covernummer und/oder die Reprise des Titelsongs geschenkt und die Scheibe am Stück veröffentlicht.

Zum Wichtigsten, zur Musik:
 
Bereits die Albumeröffnung steckt den Kurs für die folgenden 80 Minuten ab: griffige Riffs, extreme Tempovariationen innerhalb eines Songs, und Vocals, die von voluminösem Gesang in mittleren Tonlagen bis hin zu Falsett-Stimmlagen und dezent eingesetzten Death-Growls. Die vielleicht größte Kunst der Band ist es, aus diesem genreübergreifenden Potpourri spannende, schlüssige Songs zu schreiben.

Man höre sich nur den Titelsong auf der ersten CD an, nach 2 fast schon doomigen Minuten wird das Tempo angezogen und Harry haut im besten Heldentenor einen großartigen Refrain raus, wie man ihn besser nicht machen kann.

Oder aber die Nummer Descending In The Shadows Of Osiris, mein absoluter Liebling des Doppelalbums: nach balladeskem Beginn mit klaren Gitarren und einem traumhaften Solo steigert sich der Song zu einer der brillantesten Nummern, die Conklin je einsingen durfte. Alleine in den ersten beiden Minuten liefert Harry eine Leistung ab, die ein mit ähnlichem Timbre ausgestatteter Bruce Dickinson in seiner besten Zeit nicht hätte toppen können. Anschließend springt der Tyrant zwischen Growls und klarem Gesang hin und her, als ob es das natürlichste der Welt wäre, während Gitarren und Schlagzeug die gesamte Spielwiese des Metals abmähen, als ginge morgen die Welt unter, nur um in verschlepptem Tempo das Finale mit herrlichen Gitarrenleads einzuläuten.

Die zweite CD des Doppelalbums wirkt auf mich ein wenig Black-Metal-lastiger als die erste, von der abschließenden Reprise abgesehen. Ich würde jedem scheuklappenfreien Old School Metal Fan raten, von vorne zu beginnen, wohingegen die Schwarzalbenheimer besser mit der zweiten Scheibe beginnen.

Eine Anmerkung noch zum "drum herum": der Sound ist klar, differenziert und druckvoll, Gesang und Gitarren kommen wunderbar zur Geltung. Die Drums könnten für meinen Geschmack natürlicher klingen, sind aber auch nicht zu Tode sterilisiert worden, da gibt es weitaus schlimmeres. Das Artwork, zumindest in der grünen Variante, ist ganz nett, das vom Vorgänger (vom selben Künstler) war besser. Die rote Variante spricht mich weniger an, ganz davon abgesehen, dass es bei zwei einzel veröffentlichten CDs auch sehr gerne zwei Artworks hätten sein dürfen.

Mein Fazit:

Ich, als Fanboy der Band, empfinde das aktuelle Album gelungener als den tollen Vorgänger und würde es derzeit auf eine Stufe mit der ersten Reuinion-Scheibe "By The Hands Of The Devil" stellen. Ob ich das mit ein paar Monaten Abstand noch genau so sehe, sehen wir dann Ende des Jahres in meinem Rückblick.


Sonntag, 25. Januar 2015

Saracen – Redemption


Die 1976 unter dem Banner „Lammergier“ gegründete Band, die sich 1980 in „Saracen“ umbenannte, veröffentlichte 2014 leise und ohne große Werbetrommel das sechste Bandalbum.

Der Opener „Rocamadour“ ist exemplarisch für das Album, eingängiger, authentisch produzierter NWOBHM-Stoff mit streckenweise sehr präsenten Keyboards. Herrlich, wie sich der unaufdringliche Gesang in der Bridge in absolut kitschfreier Epik suhlt.

„Reacher“ begeistert mit strengeren Rhythmen und variablerem Gesang. Es kommt eine weitere Stärke der Band zu Tage: die Bridge und der Chorus schrammen so haarscharf am Kitsch vorbei, ohne ins käsige abzurutschen, wie es kaum eine Band schafft. Es ist eine große Kunst, dermaßen warme, eingängige Melodien so reif umzusetzen.

Sogar „Give Me A Sign“, die klassische Halbballade (und somit oftmals Skipkandidat für mich), kann aufgrund der vorgenannten Stärken überzeugen. Es kommen dezente Erinnerungen an die Kollegen von „Demon“ auf, die ebenfalls sehr gekonnt unaffektierten Gesang mit dezenter Epik und eingängigen Melodien verbinden.

Nach dem gefälligen Rocker „Geraldine“ (wunderschöne Gitarrenleads) kommt mit „Swords Of Damascus“ der epischste des Albums. Ich fühle mich anfangs an Genreperlen wie „Medieval Steel“ erinnert, der getragene Mittelteil samt erstklassigem Solo verleiht der Nummer aber das nötige Maß Eigenständigkeit.

„Road To Yesterday“, eine melancholische, getragene Nummer (ohne weinerlich zu sein) holt mich wieder ins hier und jetzt zurück. Ein wenig unscheinbar, der Song. Ein wenig zu gewöhnlich, die Melodieführung.

Die folgende Nummer, „Crusader“, macht mir erst Angst, die erste Minute über könnte man fast das Gefühl bekommen, die Band wolle sich an unsäglichem Dancefloor versuchen, bis mich endlich das erste Riff erlöst – der Titel für das unnötigste Songintro seit Maidens Final Frontier sei hiermit vergeben. Der Song selbst entschädigt mit einem der besten Refrains der gesamten Platte.

Mit der Nummer 8, „Catch The Wave“, wird es ein bluesiger (Gary Moore lässt ein wenig grüßen), ohne dass die Band den abgesteckten Rahmen gänzlich verlässt. Ein netter Farbklecks ist das folgende „More Than Missing You“ mit seiner deutlichen Magnum-Schlagseite. Sehr pompöse Keys und der poppigste Refrain der CD.

Auf der Zehn haben wir mit dem Titelsong den nächsten großen, epischen Moment. Das sind die Momente, die ich so sehr liebe. Äußerst Stimmungsvoll im Intro, nach zwei Minuten wird das Tempo dezent angezogen und der Chorus bringt auf den Punkt, was ich an diesem Album so schätze.

Die einzige echte Ballade „You & I“, ein Duett mit einer recht blassen Sängerin, ist unnötig Klischeeüberladen und bleibt auch nach mehrmaligem Hören eindruckslos.

An vorletzter Stelle - „Let Me See Your Hands“ - wird noch einmal locker georgelt und gerockt. Wieder schafft es der Gesang, die Nummer aufzuwerten, und die Gitarrenleads sind erneut schön verspielt.

Schlusslicht (nicht qualitativ!) ist der mit knappen acht Minuten längste Song des Albums, „Ready To Fly“. Mehrschichtig arrangierte Chöre können Sie, die nicht mehr jungen Jungs. Ein letztes Mal dürfen die Gitarren gekonnt und ausufernd solieren, ohne den Rahmen des Songs zu sprengen oder den Zuhörer zu überfordern.
 
In der Gesamtheit ein stimmiges, überzeugendes Album mit klaren Höhepunkten („Rocamadour“, „Swords Of Damascus“ und „Redemption – On The 6th Day“), das es – obwohl es mein softestes Album des vergangenen Jahres war - aus dem Stehgreif direkt in meine Top Ten 2014 geschafft haben.


Samstag, 24. Januar 2015

Arkadi & Boris Strugatzki - Picknick am Wegesrand

Russische Science Fiction aus dem Jahr 1971. Mein erster Kontakt mit einem Werk der Brüder Strugazki.

Außerirdische Intelligenz hatte Kontakt mit der Erde. Sichtungen von Besuchern werden nicht berichtet, im Mittelpunkt der Erzählung stehen die Vorkommnisse in einer der sechs Besuchszonen. Dort, in seit dem Kontakt stark kontaminierten, lebensbedrohlichen Gebieten, wurde bruchstückhafte außerirdische Technik zurückgelassen. Der Leser begleitet die Hauptperson, Roderic Schuchart, durch mehrere Etappen seines Lebens. Schuchart verdient seinen Lebensunterhalt als sogenannter Stalker, eine Person, die illegalerweise in die Zone eindringt, zurückgelassene Technik entwendet und auf dem Schwarzmarkt veräußert.

Soviel kurz zum Inhalt.

Ich hatte die Befürchtung, mich würde das selbe Problem erwarten, das mir oft bei älterer SciFi über den weg kommt. Mir stößt es immer wieder sauer auf, wenn mich Autoren vergangener Generationen mit techniklastigen Geschichten unterhalten wollen, die Grundlagen dieser Technik aber seit langen Jahren überhaupt nicht mehr dem physikalischen Weltbild entspricht. Die Brüder Strugazki umgehen dieses Problem gekonnt, indem sie Menschen in den Mittelpunkt ihrer Handlung stellen, die keinen Hehl daraus machen, nicht das Geringste von Sinn und Zweck der neuen Errungenschaften zu verstehen. Gekonnt werden daher von den Stalkern Begrifflichkeiten wie beispielsweise „Fliegenklatsche“ für unerklärliche Gravitationsfelder oder „Nullen“ für Magnetfeldbegrenzer benutzt. Das Schicksal und das Seelenleben der Betroffenen steht im Mittelpunkt, nicht die stoffliche Hinterlassenschaft der Außerirdischen. Das machte den Roman für mich lesenswert.

Was ich anmerken muss: ich bin kein Fan von zu offenen Enden, die viel Spiel für Interpretation lassen. Vielleicht bin ich dafür zu denkfaul, vielleicht bedauere ich auch das verschenkte Potenzial. So auch hier. Im (immer noch erträglich) lebensphilosophischen Schlusspart fühle ich mich zu früh allein gelassen.
 
Alles in allem eine kurzweilige Erzählung mit kantigen Charakteren, und sicherlich nicht mein letzter Roman der Brüder Strugazki.